Aufatmen für Mündener Kinofans

Man sieht jubelnde Menschen in einem Kinosaal.

Dr. Wolfgang Würker erweckt das Mündener Kino zum Leben. Foto: Adobe Stock

Ehemalige Schiller-Lichtspiele wiedereröffnet

Viele Monate zitterten die Cineasten der Dreiflüsse-Stadt: Nach der Schließung der Schiller-Lichtspiele auf der Langen Straße waren die gemütlichen Abende im Kino vorbei. Ob sich ein neuer Betreiber finden würde, war nicht absehbar. Doch vor wenigen Tagen erreichte das Publikum die freudige Nachricht: Dr. Wolfgang Würker, Betreiber des Capitol-Kinos in Witzenhausen, wagt den Schritt und erweckt das Mündener Kino zum Leben. Über seine Ambitionen und Pläne haben wir mit ihm gesprochen.

 

Mein Münden: Sehr geehrter Herr Dr. Würker, mit großer Begeisterung haben viele Mündener von Ihrer Entscheidung gehört, das Kino auf der Langen Straße wiederzueröffnen. Wie kam es dazu?

Dr. Wolfgang Würker: Anfang des Jahres hat mich ein Mitarbeiter unseres Kinos in Witzenhausen auf eine Auktion aufmerksam gemacht, bei der das Inventar des Kinos in Hann. Münden versteigert werden sollte. Er meinte, wir könnten dort vielleicht etwas für unser Kino erwerben. Wenige Tage später standen Markus Bäuml und ich in den Schiller-Lichtspielen, die schon seit Sommer 2020 geschlossen waren. Wir staunten: Ein ansprechendes, ein traditionsreiches Kino, das wohl nie mehr öffnen würde, wenn es zum Ausverkauf des gesamten Inventars kommen sollte. Auf meinen Rat hin haben die Besitzer des Gebäudes es im letzten Moment selbst erworben, von den Projektoren über die gesamte technische Ausstattung bis zu den Kinosesseln und großen Leinwänden. Damit war immerhin die Voraussetzung dafür geschaffen, dass hier eines Tages nochmal Filme gezeigt werden können.

Mein Münden: Warum zögerten Sie so lange, bis Sie den Schritt nach Hann. Münden unternommen haben?

Dr. Wolfgang Würker: An eine schnelle Wiedereröffnung dachte Anfang des Jahres kein vernünftiger Mensch. Wegen der Pandemie waren alle Kinos in Deutschland geschlossen, und als sie wieder öffnen konnten, kamen nicht sehr viele Zuschauer. Ein großer Kraftakt würde notwendig sein, allein aus technischer Sicht die Lichtspiele, die zuletzt keinen so guten Ruf hatten, wieder zum Leben zu erwecken. Trotz allem ging mir das Kino nicht aus dem Kopf. Und als sich herausstellte, dass wegen Bauarbeiten das Capitol in Witzenhausen noch länger geschlossen bleiben wird, trat eine günstige Situation ein. Unser erfahrenes Kinoteam war frei und nach anfänglicher Skepsis am Ende sogar ein wenig begeistert von dem Vorhaben, die ehemaligen Schiller-Lichtspiele wieder zum Laufen zu kriegen. Zumal mit „Keine Zeit zu sterben“ der neue James Bond-Film, auf den wir so lange warten mussten, an den Start geht.

Mein Münden: Welchen beruflichen und/oder persönlichen Background haben Sie und war das Betreiben eines Kinos schon immer Ihr Traum?

Dr. Wolfgang Würker: Tatsächlich habe ich immer mal in meinem Leben mit dem Gedanken gespielt, ein Kino zu betreiben. Ich habe allerdings Naturwissenschaften studiert, war zunächst Wissenschaftler und Lehrer, wurde mit dreißig Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, mitverantwortlich für die Sparten Fernsehen und Film. Schließlich machte ich mich selbstständig, gründete mit einer Partnerin eine eigene Filmproduktion und verwirklichte zahlreiche Dokumentationen für ZDF und Arte. Zum Kinobetrieb kam ich erst vor wenigen Jahren, als das Capitol in Witzenhausen nach dem Tod des langjährigen Betreibers Ralf Schuhmacher Hilfe brauchte. Als ich anfing, dachte ich an zwei bis drei Arbeitstage pro Woche und wollte weiter eigene Filme machen. Inzwischen ist das Kinomachen zu mehr als einem Fulltime-Job und zu einer großen Leidenschaft geworden. Für mich ist schon ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen, als mir die neuen Inhaber vom Capitol in Witzenhausen, Ralf Schuhmachers Frau Ulrike und sein Sohn Darius diese Chance und ihr Vertrauen gegeben haben, wofür ich sehr dankbar bin. Sie haben jetzt auch den Mut und die Risikobereitschaft gezeigt, sich in Hann. Münden zu engagieren.

Mein Münden: Was bedeuten die Themen „Kino und Film“ für Sie? Und welchen Stellenwert hat die Filmbranche aktuell für die Gesellschaft?

Dr. Wolfgang Würker: Kino und Film haben für mich immer eine große Rolle gespielt. Schon als Jugendlicher war ich leidenschaftlicher Kinogänger, an der Schülerzeitung schrieb ich erste Filmkritiken. In Göttingen war ich der Initiator eines Filmclubs und organisierte ein Festival. Das alles, bevor ich selbst Journalist und Filmemacher wurde. Ich war immer schon fasziniert von der universellen „Sprache“ des Kinos, die fast Jeder verstehen und mit der man fast Jeden erreichen kann. Mal intellektuell, mal emotional. Immer suchte ich im Kino zugleich den öffentlichen Raum, in dem ich mit Anderen zusammen etwas erleben kann. In dem ich mit Anderen lachen und weinen, mich stillschweigend austauschen kann. Das Kino kann kreativ, phantasievoll, politisch sein, es kann anregen, faszinieren, überwältigen – diese Vielfalt begeistert mich. Die Filmbranche hält diesen Erlebnisraum am Leben, ein wichtiger Teil unserer Kultur und Gesellschaft.

Mein Münden: Nach welchen Kriterien wählen Sie persönlich die Filme der jeweiligen Woche aus und woher bekommen Sie Ideen und Inspiration?

Dr. Wolfgang Würker: Leider habe ich keine Zeit, auf Film-Festivals zu fahren. Dort könnte ich neue Filme sehen und erleben, wie sie aufgenommen werden. So muss ich das in den Medien verfolgen und ich habe immerhin die Gelegenheit, in Presse- und Sondervorführungen neue Filme vorab anzuschauen. Auch kann ich über einen Sichtungslink Filme vorab am Laptop kennenlernen. Dazu kommen Anregungen aus unserem Team oder Wünsche von unseren Zuschauern. Und natürlich spielen Erfolgszahlen eine Rolle. Es sind also ganz viele Aspekte, die in der wöchentlichen Auswahl berücksichtigt werden. Immer spielt der Anspruch nach Qualität eine Rolle. Und am Ende ist es manchmal der persönliche Geschmack, eine Mischung aus Erfahrungswerten und individuellen Vorlieben, die zur Auswahl der Filme führen.

Mein Münden: Sie sind seit einigen Jahren für das Programm des Kinos in Witzenhausen verantwortlich und zeigen dort oft auch besondere Filme abseits des Mainstreams. Ist das mitunter ein Wagnis oder kluge Geschäftspolitik?

Dr. Wolfgang Würker: Kluge Geschäftspolitik im Sinne der Wirtschaftlichkeit ist es vermutlich nicht, wenn man Filme programmiert, die zwar gut und wichtig sind, aber am Ende nur ganz wenige Zuschauer haben. Doch es ist nun mal unsere Idee von Kino und Kultur, eine Mischung aus Mainstream- und Arthouse-Filmen anzubieten, abwegige Dokumentarfilme und Sonderveranstaltungen, zu denen wir gern Filmemacher und Gäste einladen. Das Kino ist für uns ein kulturelles Zentrum, das Verbindungen zu anderen Veranstaltern und Initiativen sucht. Wir werden auch in Hann. Münden Wagnisse eingehen und hoffen, dass es hier genug Menschen gibt, die unseren Ideen folgen.

Mein Münden: Was wird die Cineasten in Hann. Münden in den kommenden Monaten erwarten?

Dr. Wolfgang Würker: Es wird auf der einen Seite mit „Keine Zeit zu sterben“, „Dune“, „Matrix“ oder „Spiderman“ das große, gut gemachte Unterhaltungskino geben. Wir werden daneben viele europäische und deutsche Filme zeigen, demnächst die „Schachnovelle“ nach einem Roman von Stefan Zweig oder Highlights aus den zurückliegenden Monaten wie „Der Rausch“, „Ich bin dein Mensch“ oder die wunderbar rustikale Komödie „Kaiserschmarrndrama“. Dominik Graf ist mit „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ eine großartige Erich Kästner-Verfilmung gelungen. Wir wollen darüber hinaus Filmemacher aus der Region, die beispielsweise eine Reise mit dem Fahrrad von Heiligenstadt nach Saigon unternommen haben (Titel „Verplant“), nach Hann. Münden einladen oder im November Stephan Schulz mit einer 3D-Präsentation über Neuseeland.

Wir starten im Grunde einen Versuchsballon. Es wird in Hann. Münden eine Abstimmung mit den Füßen geben. Wird unser Programm, wird unsere ebenso unterhaltsame wie anspruchsvolle Mischung angenommen? Oder sind zwar alle begeistert davon, dass das Kino in der Langen Straße wieder geöffnet hat, jedoch geht keiner hin? Alles ist denkbar. Wir sind sehr gespannt – und zuversichtlich. Es lebe das Kino!