Göttingen. Onyeka Oshionwu gewinnt die Stichwahl deutlich mit 62,95 Prozent. Der Abstand von fast 26 Prozentpunkten zu Dr. Ehsan Kangarani ist bemerkenswert. Schon im ersten Wahlgang am 13. September hatte Oshionwu mit 41,44 Prozent deutlich vor Kangarani mit 27,86 Prozent gelegen. In der Stichwahl konnte sie ihren Stimmenanteil noch einmal erheblich steigern. Dabei dürfte eine wichtige Rolle gespielt haben, dass sich nach dem Ausscheiden des SPD-Kandidaten Florian Dinger die Göttinger SPD für Oshionwu ausgesprochen hatte. Dinger hatte im ersten Wahlgang 21,6 Prozent erreicht. Rechnerisch bestand damit ein erhebliches zusätzliches Wählerpotenzial jenseits des grünen Stammklientels. Aus dem Endergebnis allein lässt sich allerdings nicht feststellen, wie einzelne frühere SPD-Wähler tatsächlich abgestimmt haben.

Mehr als ein klassischer Parteierfolg
Das Ergebnis lässt sich deshalb nicht allein als Erfolg der Grünen lesen. Oshionwu musste für 62,95 Prozent weit über die eigene Parteibasis hinaus Stimmen gewinnen. Das spricht zumindest dafür, dass ihre Kandidatur in sehr unterschiedlichen Teilen der Göttinger Wählerschaft Zustimmung gefunden hat. Auch die Atmosphäre am Wahlabend mit zahlreichen Gratulationen von wichtigen Persönlichkeiten aus Politik, Universität, Verwaltung und Stadtgesellschaft passt. Wenn Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche unmittelbar nach der Entscheidung gratulieren, ist das ein Zeichen dafür, dass der Übergang an der Rathausspitze politisch und institutionell rasch akzeptiert wird. Politisch besonders wichtig ist dabei der Wechsel selbst: Nach rund zwei Jahrzehnten wird das Göttinger Oberbürgermeisteramt nicht mehr von der SPD geführt. Die bisherige Oberbürgermeisterin Petra Broistedt war nicht erneut angetreten.
Oshionwu konnte offenbar unterschiedliche Erwartungen verbinden
Im Wahlkampf standen konkrete politische Unterschiede zwischen Oshionwu und Kangarani im Mittelpunkt. Bei Finanzpolitik, Verwaltung, Steuern und Mobilität vertraten beide teilweise deutlich unterschiedliche Positionen. Oshionwu sprach sich beispielsweise für zusätzliche kommunale Einnahmen durch eine Betten- und Verpackungssteuer aus, während Kangarani dagegen war und stärker auf Einsparungen sowie gegebenenfalls Stellenabbau in der Verwaltung setzte. Auch beim Umgang mit Parkplätzen in der Innenstadt lagen beide auseinander. Damit war die Stichwahl keine reine Persönlichkeitswahl. Die Göttingerinnen und Göttinger entschieden zugleich zwischen unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie die finanziell schwierige Situation der Stadt, Verkehr, Klimaschutz und Verwaltungspolitik künftig gestaltet werden sollen. Gleichzeitig hatte Oshionwu ihre Kandidatur stark über Begriffe wie Brückenbauen, Zusammenhalt, bezahlbares Leben und Bürgerbeteiligung positioniert.
Für Oshionwu beginnt jetzt der schwierigere Teil
Ein Ergebnis von knapp 63 Prozent verschafft einer neuen Oberbürgermeisterin einen klaren demokratischen Rückhalt. Es bedeutet aber nicht automatisch entsprechende Mehrheiten im Rat. Eine Oberbürgermeisterin muss anschließend mit verschiedenen Fraktionen, der Stadtverwaltung sowie Institutionen und Initiativen der Stadt zusammenarbeiten. Gerade deshalb könnte die breite gesellschaftliche Resonanz des Wahlabends politisch bedeutsam werden: Oshionwus Versprechen, unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen, wird nun daran gemessen werden, ob daraus im Rathaus tatsächlich tragfähige Bündnisse entstehen.
Der Wahlsieg markiert also zweierlei: einen deutlichen personellen Wechsel an der Spitze Göttingens und das Ende einer langen SPD-geprägten Phase im Oberbürgermeisteramt.Was daraus politisch folgt, entscheidet sich in den kommenden Monaten – bei Haushalt, Wohnen, Mobilität, Klimapolitik und der Zusammenarbeit im Rat.