Seit mehr als 50 Jahren sammelt Adelheid Dreyer Bibeln. Was einst mit der Faszination für ein einzelnes Buch begann, ist über die Jahrzehnte zu einer außergewöhnlichen Sammlung gewachsen. Vom 11. bis 18. November öffnet sie nun ihren persönlichen Schatz für die Öffentlichkeit und lädt gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde zu einer abwechslungsreichen Bibelwoche ins Gemeindehaus nach Gertenbach ein.
„Darf ich diese Bibel später mal haben?“ Mit dieser einfachen Frage hat möglicherweise alles angefangen. Das ist inzwischen mehr als 50 Jahre her. Für Adelheid Dreyer wurde aus der anfänglichen Faszination für ein besonderes Buch eine Leidenschaft, die sie bis heute begleitet. Über Jahrzehnte hinweg hat sie Bibeln gesammelt, entdeckt, geschenkt bekommen und selbst gekauft. Manche stammen von Flohmärkten, andere aus dem Familien- oder Freundeskreis. Wieder andere hat sie ganz bewusst ausgewählt und erworben. Mit den Jahren wuchs die Sammlung immer weiter. Irgendwann hörte Adelheid Dreyer auf zu zählen.
Nun möchte sie diesen besonderen Schatz mit anderen Menschen teilen. Vom 11. bis 18. November organisiert sie deshalb eine Bibelwoche im evangelischen Gemeindehaus in Gertenbach. Damit erfüllt sich für die Initiatorin ein lang gehegter Wunsch. Acht Tage lang stehen ihre Bibelsammlung, die Geschichten hinter den Büchern und die Begegnung mit anderen Menschen im Mittelpunkt eines vielfältigen Programms.
Dabei geht es Adelheid Dreyer um weit mehr als das Ausstellen alter Bücher. Sie möchte zum Nachdenken anregen, Erinnerungen wecken und Menschen dazu ermutigen, sich mit der Bibel und ihren Geschichten auseinanderzusetzen – ganz unabhängig davon, wie vertraut sie mit den biblischen Texten sind.
Wenn Bücher persönliche Geschichten erzählen
Was fasziniert Adelheid Dreyer seit so vielen Jahren an der Bibel? Es sind vor allem die alten Texte, die auch nach Jahrhunderten nichts von ihrer Bedeutung verloren haben müssen. Worte, die schon Millionen Menschen vor uns gelesen und gehört haben und die auch kommende Generationen begleiten werden. Für sie liegt darin etwas Besonderes: Die Bibel verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf eine einzigartige Weise.
Doch es sind nicht allein die biblischen Texte, die sie an den zahlreichen Ausgaben ihrer Sammlung faszinieren. Oft erzählen die Bücher selbst kleine Geschichten aus dem Leben ihrer früheren Besitzer. Zwischen den Seiten finden sich vergilbte Kalenderblätter, handgeschriebene Notizen oder Zettel, die dort über viele Jahre aufbewahrt wurden. Einzelne Bibelstellen sind unterstrichen, markiert oder mit Lesezeichen versehen.
Warum hat jemand gerade diesen Vers hervorgehoben? Welche Bedeutung hatte ein bestimmter Trauspruch für ein Brautpaar? Welche Erinnerungen sind mit einer Bibel verbunden, die ein junger Mensch einst zur Konfirmation geschenkt bekam?
Es sind Fragen wie diese, die Adelheid Dreyer beschäftigen. Denn hinter vielen Bibeln verbergen sich persönliche Erinnerungen, Hoffnungen, Wünsche und manchmal ganze Lebensgeschichten. Eine Bibel kann ein Geschenk zur Hochzeit sein, ein Erbstück aus der Familie oder ein Buch, das jemanden über Jahrzehnte begleitet hat.
Mit ihrer Ausstellung möchte Dreyer den Besucherinnen und Besuchern Gelegenheit geben, solche Spuren zu entdecken. Gleichzeitig lädt sie dazu ein, über die eigene Beziehung zur Bibel nachzudenken. Vielleicht steht auch im eigenen Bücherregal noch eine alte Ausgabe, die lange nicht mehr aufgeschlagen wurde und mit der ganz persönliche Erinnerungen verbunden sind.
Sind das alles nur „olle Kamellen“?
Adelheid Dreyer stellt bewusst auch eine durchaus provokante Frage: Gehört die Bibel heute zu den „ollen Kamellen“? Ist sie ein Buch aus vergangenen Zeiten oder steckt in ihren Geschichten und Aussagen noch immer etwas, das Menschen berühren und beschäftigen kann?
Für die leidenschaftliche Sammlerin ist die Antwort eindeutig. Sie sieht in der Bibel ein Buch, dessen Texte jederzeit wieder aktuell werden können. Schließlich gehört sie zu den weltweit am stärksten verbreiteten Werken und hat über Jahrhunderte hinweg Kunst, Musik, Literatur und das gesellschaftliche Leben geprägt.
Dennoch weiß Dreyer, dass die Bibel im Alltag vieler Menschen heute keine selbstverständliche Rolle mehr spielt. Genau deshalb möchte sie mit ihrer Bibelwoche neue Zugänge schaffen. Die Ausstellung soll ausdrücklich kein Angebot nur für besonders bibelfeste Gemeindemitglieder sein. Vielmehr sind alle Menschen eingeladen, die neugierig sind, Fragen haben oder sich einfach für alte Bücher und die Geschichten dahinter interessieren.
Dabei wünscht sich die Initiatorin vor allem einen offenen Austausch. Niemand muss mit bestimmten Vorkenntnissen kommen. Vielmehr sollen Gespräche entstehen, bei denen unterschiedliche Gedanken, Erfahrungen und Sichtweisen Platz haben.
Eine besondere Einladung spricht Adelheid Dreyer deshalb auch an alle aus, die zu Hause selbst eine Bibel besitzen: Sie dürfen ihr eigenes Exemplar gerne mitbringen. Vielleicht verbirgt sich darin ebenfalls eine Widmung, ein alter Zettel oder ein besonders markierter Vers, über den es sich zu sprechen lohnt.
Acht Tage voller Begegnungen, Musik und Gespräche
Für ihre Bibelwoche hat Adelheid Dreyer ein vielseitiges Programm zusammengestellt. Neben der täglichen Ausstellung stehen musikalische Beiträge, Gesprächsrunden, Bibelquiz, gemeinsame Aktivitäten und ein festlicher Abschlussgottesdienst auf dem Programm. Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt: Kaffee und Kuchen sollen an den Nachmittagen eine gemütliche Atmosphäre schaffen, in der Besucherinnen und Besucher miteinander ins Gespräch kommen können.
Den Auftakt bildet am Mittwoch, 11. November, von 14.30 bis 17 Uhr die feierliche Eröffnung der Bibelausstellung. Hier können Interessierte erstmals die über Jahrzehnte gewachsene Sammlung von Adelheid Dreyer entdecken. Passend zum Thema wird neben Kaffee auch ein besonderer „Bibelkuchen“ angeboten. Für musikalische Momente sorgt M. Glameyer. Ein Bibelquiz und die Möglichkeit zum gemeinsamen Gedankenaustausch ergänzen das Eröffnungsprogramm.
Am Donnerstag, 12. November, ist die Ausstellung von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Anschließend beginnt um 17 Uhr der erste Bibelgesprächskreis. Im Mittelpunkt steht die Erzählung „Das Opfer Abrahams“. Gemeinsam soll darüber nachgedacht werden, was dieser schwierige und vielschichtige Text den Menschen sagen möchte.
Der Freitag, 13. November, steht ganz im Zeichen des Alten Testaments. Zwischen 15 und 17 Uhr können die Gäste biblische Geschichten durch Bilder und Musik auf unterschiedliche Weise erleben. Die musikalische Begleitung übernimmt Alice Brübach. Auch an diesem Nachmittag bleibt bei Kaffee und Kuchen ausreichend Gelegenheit für persönliche Gespräche.
Ein besonders lebendiges Programm erwartet die Besucherinnen und Besucher am Samstag, 14. November. Dann sind vor allem Konfirmandinnen und Konfirmanden, Jugendliche und alle anderen Interessierten eingeladen, sich von 15 bis 17 Uhr auf eine gemeinsame Entdeckungsreise zu begeben. Gespielt, gesehen, gehört, gelesen, wahrgenommen und diskutiert wird dabei gleichermaßen. Um welches Thema es genau geht, sollen die Teilnehmenden gemeinsam herausfinden. Im Vordergrund stehen das eigene Erleben, die Neugier und die aktive Beschäftigung mit biblischen Inhalten.
Am Sonntag, 15. November, öffnet die Ausstellung ebenfalls von 15 bis 17 Uhr ihre Türen. Ab 17 Uhr kommen die Mitglieder des aktiven Gesamtkirchenvorstands Gertenbach, Albshausen und Ziegenhagen zu einem gemütlichen Beisammensein zusammen. Ein weiteres Bibelquiz und ein musikalischer Ausklang mit den Mundharmonikafreunden sorgen für einen abwechslungsreichen Nachmittag und Abend.
Biblische Geschichten neu entdecken
Mit einem zweiten Gesprächsabend setzt Adelheid Dreyer ihre Bibelwoche am Montag, 16. November, fort. Nach der regulären Ausstellungszeit von 15 bis 17 Uhr beginnt um 17 Uhr der zweite Bibelgesprächskreis. Diesmal steht „Das Gleichnis von den Brautjungfern“ im Mittelpunkt. Gemeinsam beschäftigen sich die Teilnehmenden mit der Frage, welche Botschaft hinter dieser Erzählung steckt und welche Bedeutung sie für das heutige Leben haben könnte.
Am Dienstag, 17. November, richtet sich der Blick schließlich auf das Neue Testament. Bilder und Musik sollen neue Zugänge zu bekannten und weniger bekannten biblischen Geschichten eröffnen. M. Glameyer begleitet den Nachmittag musikalisch. Von 15 bis 17 Uhr können die Besucherinnen und Besucher die Ausstellung besichtigen und bei Kaffee und Kuchen miteinander ins Gespräch kommen.
Den feierlichen Abschluss bildet am Mittwoch, 18. November, dem Buß- und Bettag, ein besonders gestalteter Nachmittag und Abend. Bereits um 15 Uhr beginnt ein Handarbeitstreff, zu dem ausdrücklich alle Interessierten willkommen sind. Ein Bibelquiz ergänzt das gemeinsame Programm.
Um 17.15 Uhr stimmt Christian Mühlhause am Keyboard musikalisch auf den abschließenden Gottesdienst ein. Dieser beginnt um 18 Uhr und wird von Pfarrer Dr. Nicolás Anders gestaltet. Gefeiert wird ein Gottesdienst mit Abendmahl in Tischgemeinschaft. Abschließende Worte zur Bibelwoche lassen die acht Veranstaltungstage ausklingen.
Ein Herzenswunsch wird Wirklichkeit
Für Adelheid Dreyer ist die Bibelwoche ein besonderes persönliches Ereignis. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat sie Bibeln zusammengetragen, aufbewahrt und sich mit den Geschichten und Erinnerungen beschäftigt, die mit ihnen verbunden sind. Nun sollen die Bücher nicht länger nur Teil ihrer privaten Sammlung bleiben, sondern auch anderen Menschen Freude bereiten, Fragen aufwerfen und zum Nachdenken anregen. Dass aus ihrer Sammelleidenschaft einmal eine ganze Veranstaltungswoche entstehen würde, war vor mehr als 50 Jahren wohl kaum abzusehen. Umso größer ist die Bedeutung dieses Projekts für sie.
Dabei misst Adelheid Dreyer den Erfolg ihrer Initiative nicht an der Zahl der ausgestellten Bücher oder an möglichst vielen Besucherinnen und Besuchern. Ihr eigentliches Anliegen ist viel persönlicher. „Wenn in der Bibelwoche einige Menschen mal wieder ihre Bibel in die Hand nehmen, wäre es für mich und die Bibeltage ein voller Erfolg!“, beschreibt sie ihre Hoffnung.
Vielleicht wird also nach diesen acht Tagen tatsächlich der eine oder andere Besucher zu Hause ins Bücherregal greifen, eine lange nicht mehr geöffnete Bibel hervorholen und darin blättern. Vielleicht tauchen dabei Erinnerungen auf, die längst vergessen schienen. Vielleicht entdeckt jemand einen Vers, der plötzlich eine neue Bedeutung bekommt. Für Adelheid Dreyer wäre genau das der schönste Lohn für ihre Mühe. Denn manchmal genügt schon ein kleiner Anstoß, um etwas Altbekanntes mit ganz neuen Augen zu betrachten.