Wenn in Witzenhausen die Kirschbäume blühen, ist das für viele ein Fotomotiv. Für die Familie Fahrenbach ist es seit Generationen Arbeit, Verantwortung und ein Stück Familiengeschichte. Schon der Großvater setzte auf die roten Früchte, heute führt die dritte Generation die Tradition weiter.
Im Gespräch erzählt Lena Fahrenbach, Enkelin des Betriebsgründers, wie aus den ersten Kirschbäumen ein Familienbetrieb wurde und was sich im Anbau verändert hat. Es geht um Erinnerungen, Erntejahre, Zukunftsfragen und darum, was bleibt, wenn eine Familie über Jahrzehnte mit einer Landschaft verwurzelt ist.
Seit wann baut Ihre Familie in Witzenhausen Kirschen an und wie fing alles an?
Unsere Familie baut schon seit meinem Urgroßvater Kirschen an. Er pflanzte die ersten Kirschbäume am Wegesrand und verkaufte die Früchte in Kassel. Mein Opa baute den Anbau später mit 25 Jahren auf eigenen Flächen aus und lieferte die Kirschen an die Absatzgenossenschaft in Unterrieden. Da mein Uhrgeoßvater früh verstarb, beginnt die Geschichte des Kirschenanbaus für mich mit meinem Opa. Was damals begann, ist bis heute geblieben, der Kirschenanbau ist für unsere Familie ein Hobby mit viel Leidenschaft.

Welche Geschichte über Ihren Großvater oder die Anfänge des Betriebs wird bei Ihnen bis heute erzählt?
Früher wurde morgens schon um 5 Uhr mit selbst gebauten Leitern gepflückt und die ganze Familie musste mithelfen. Das ständige Umstellen der Leitern gehörte genauso dazu. Mein Papa und mein Onkel waren oft mehr damit beschäftigt, die Leitern umzusetzen, als selbst Kirschen zu pflücken. Diese Geschichten werden bei uns bis heute gerne erzählt.
Was hat sich im Kirschanbau seit der Zeit Ihrer Großeltern am stärksten verändert?
Das Wichtigste hat sich eigentlich nicht verändert. Wir stehen während der Ernte immer noch früh auf und die ganze Familie packt gemeinsam mit an. Der größte Unterschied ist, dass mein Papa und mein Onkel später kleine Kirschbäume gepflanzt haben. Dadurch brauchen wir heute keine Leitern mehr und können alle Kirschen bequem vom Boden aus pflücken.
In meiner Generation ist noch etwas Neues dazugekommen. Wir bieten unsere Kirschen auch zum Selberpflücken an. Dank der niedrigen Bäume ist das für Groß und Klein ein schönes Erlebnis. So kann jeder die Freude erleben, Kirschen gemeinsam mit der eigenen Familie direkt vom Baum zu ernten.
Wenn Ihr Opa heute über die Plantagen gehen würde: Was würde ihn am meisten überraschen?
Ich glaube, mein Opa wäre vor allem stolz darauf, dass ich als jüngste Enkelin die Tradition weiterführe. Dass ich heute die Kirschen mit Stolz anbieten kann, die morgens von den Bäumen geerntet werden, die er damals gemeinsam mit seinen Söhnen gepflanzt hat.
Außerdem würde er sich freuen, zu sehen, wie gut die Bäume bis heute gepflegt wurden und wie begeistert die Menschen unsere Selberpflückplantage annehmen. Es ist schön zu sehen, dass Familien dort gemeinsam Zeit verbringen, Freude am Ernten haben und dabei sorgsam mit den Bäumen umgehen. So bereiten seine Kirschen den Menschen auch heute noch auf eine ganz besondere Art Freude.

Was macht die Arbeit mit Kirschen für Ihre Familie besonders?
Das Besondere ist für uns der Familienzusammenhalt. Im Alltag bleibt oft wenig Zeit füreinander, aber während der Kirschsaison sehen wir uns fast jeden Tag. Wir arbeiten gemeinsam, verbringen Zeit miteinander und merken jedes Jahr aufs Neue, zusammen geht die Arbeit nicht nur leichter, sondern macht auch viel mehr Freude.
Womit kämpfen Kirschbauern heute am meisten – Wetter, Kosten, Personal oder etwas ganz anderes?
Die größte Herausforderung ist ganz klar das Wetter. Frost kann die Blüten und damit die gesamte Ernte zerstören. Zu viel Hitze lässt die Kirschen zu schnell reifen, starker Regen kann dazu führen, dass sie platzen oder faulen. Als Obstbauern sind wir von der Natur abhängig und extreme Wetterbedingungen machen den Anbau jedes Jahr unberechenbarer. Wenn sich das Klima langfristig weiter so verändert, kann das sogar die Zukunft unserer Familientradition gefährden.
Mit Personal kämpfen wir dagegen nicht, denn unser Kirschenanbau ist ein reines Familienhobby. Während der Ernte helfen zwar auch Freunde mit, aber den größten Teil der Arbeit stemmt unsere Familie gemeinsam.

Wie schauen Sie auf die aktuelle Kirschsaison 2026?
Auch in der Kirschsaison 2026 hat das Wetter einen großen Einfluss. Durch die starke Hitze sind viele Kirschen gleichzeitig reif geworden, wodurch die Ernte in kurzer Zeit bewältigt werden muss. Solche Schwankungen gehören inzwischen fast jedes Jahr dazu.
Trotzdem versuchen wir, aus jeder Saison das Beste herauszuholen. Wir arbeiten mit der Natur, nicht gegen sie, und sind auch dieses Jahr stolz auf das, was unsere Bäume tragen und was wir als Familie gemeinsam aufgebaut haben.
Und ganz persönlich: Wird es in Ihrer Familie auch eine vierte Generation geben, die diese Tradition weiterführt?
Das lassen wir ganz bewusst offen, denn die dritte Generation mit mir hat gerade erst so richtig begonnen. Natürlich wünschen wir uns, dass unsere Familientradition noch lange weiterlebt. Solange die Freude am Kirschenanbau und an unseren Früchten da ist, hoffen wir, dass sie auch die nächsten Generationen begeistern wird.