Zwischen Kuriositätenkabinett, Kulturort und Baustelle auf Zukunft bleibt Dr. Wolfs Wunderkammer auch im Umbaujahr 2026 in Bewegung. Geplant sind mehr Raum, neue Nutzungsmöglichkeiten und ein Ausbau, der aus dem ohnehin ungewöhnlichen Haus einen noch stärkeren Ort für Geschichte, Kunst, Mythen und Begegnung machen soll.
In der Radbrunnenstraße 17, unweit des Wesersteins, hat sich Dr. Wolfs Wunderkammer in wenigen Jahren zu einem der eigenwilligsten Kulturorte in Hann. Münden entwickelt. Untergebracht ist das Museum in einem liebevoll restaurierten Fachwerkhaus, dessen Geschichte weit vor die Museumsgründung zurückreicht: Das Gebäude wurde 1734 errichtet und beherbergte im Lauf der Jahrhunderte unter anderem eine Wäscherei, einen Bäcker, einen Nagelschmied, einen Zimmermeister und einen Lithografen. Seit Sommer 2020 ist das Haus Heimat der Wunderkammer – und damit selbst Teil jener Erzählung, die drinnen weitergeschrieben wird.
Schon der Name verrät, dass hier kein klassisches Stadtmuseum betrieben wird. Die Wunderkammer versteht sich als Museum für Geschichte(n), Kunst und Kurioses und orientiert sich ausdrücklich an den historischen Kunst- und Wunderkammern der frühen Neuzeit. Jene Sammlungen des 16. Jahrhunderts wollten die Welt im Kleinen abbilden, indem sie Natur, Technik, Kunst und Seltsames nebeneinanderstellten. Genau dieses Prinzip übersetzt das Haus in Hann. Münden in die Gegenwart: Wissenschaftliche Themen treffen auf Popkultur, Mythologie und Alltagsgeschichte, aus Ausstellung wird ein Gesamtkunstwerk, aus dem Besuch eher eine geführte Entdeckungsreise als ein gewöhnlicher Rundgang.
Zum Konzept gehört, dass die Wunderkammer nicht einfach offen durchlaufen wird. Die Besuche sind geführt, bewusst klein gehalten und stark erzählerisch angelegt. Nach Angaben des Hauses können Gäste gemeinsam mit dem Doktor anhand von rund 3.000 Exponaten Geschichte und Geschichten entdecken; manches wird nicht nur gezeigt, sondern auch vorgeführt, vieles ist bewusst so präsentiert, dass ein unmittelbares Erleben möglich wird. Dieses Vermittlungsmodell ist Teil des Erfolgs, setzt dem Ort aber zugleich räumliche Grenzen. Bislang können an Führungen wegen des engen Zuschnitts in der Regel nur kleine Gruppen teilnehmen.
Getragen wird die Wunderkammer von einem Team, das fachliche Expertise und Inszenierung eng verbindet. Daniel R. Wolf ist Kunstwissenschaftler, studierte zudem Philosophie und Soziologie, arbeitete unter anderem an der Kunsthochschule Kassel sowie in musealen und wissenschaftlichen Kontexten und leitet das Museum nach eigenen Angaben ehrenamtlich. Sarah Wolf, Künstlerin und Illustratorin, betreut die Sammlung kuratorisch und verantwortet auch die umfangreiche Onlinepräsentation. Hinzu kommt mit Florian Schäfer ein Biologe, Künstler und Sagenforscher, der das Projekt „Forgotten Creatures“ gründete und mit seinen mythologischen Figuren und Lesungsformaten eine eigene Ebene des Hauses von 2023 bis 2025 mitprägte. Betrieben wird die Einrichtung vom gemeinnützigen Verein Zeitsprünge e.V., der 1997 gegründet wurde; 2019 kam das Projekt Wunderkammer hinzu, 2020 fanden Wunderkammer und „Forgotten Creatures“ erstmals unter einem Dach zusammen.
Gerade weil sich das Haus in kurzer Zeit etabliert hat, steht nun der nächste Entwicklungsschritt an. Auf der Website heißt es, nach dem ersten aufgebauten Museumsraum 2019/20 und der Erweiterung 2022/23 im Rahmen des „Winterwunders“ beginne 2025/26 die „dritte und finale Ausbauphase“. Der Umbau 2026 ist also keine bloße kosmetische Maßnahme, sondern der Abschluss einer länger angelegten Entwicklung. Bereits in der zweiten Phase wurde die Wunderkammer um einen weiteren Raum erweitert; zugleich entstand damals mit dem „Kabinett der Kreaturen“ ein Sonderausstellungs- und Veranstaltungsbereich. Letzterer wird nun im Rahmen des aktuellen Umbaus und dem Auszug der Fabelwesen auf Wanderausstellung auch Teil der Wunderkammer.
Der Kern der Ausbaupläne für 2026 ist damit klar umrissen. Künftig soll die Wunderkammer über zwei Etagen erlebbar sein, größere Besuchergruppen aufnehmen können als bisher und damit funktional wie inhaltlich wachsen. Die Fertigstellung ist für das Frühjahr 2027angedacht. Dann sollen auch Stücke zu sehen sein, für die bislang der Platz fehlte, darunter ein großes Zeppelin-Modell und eine außergewöhnliche Laterna Magica mit Doppelbalg. Außerdem soll nach Angaben von Sarah Wolf zusätzlicher Raum für Lesungen, Tastings und kleine Wohnzimmerkonzerte entstehen. Offiziell angekündigt ist zudem ein neues Erlebnisprogramm für 2027.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Wunderkammer während des Um- und Ausbaus nicht verschwindet. Das Haus betont ausdrücklich, trotz der Bauphase geöffnet zu bleiben. Wegen der Arbeiten werden 2026 vorerst nur samstags und sonntags Termine für Erlebnisangebote vergeben; das Buchungsprogramm schrumpft also vorübergehend, ohne dass der Betrieb ganz aussetzt. Gutscheine, die 2025 oder 2026 erworben werden oder in dieser Zeit ablaufen, erhalten eine verlängerte Gültigkeit.
Die Umbauphase greift dabei tiefer ins Gesamtprofil des Hauses ein. Auch das mobile Museumsangebot wird neu gestaltet und ist deshalb vorübergehend nicht regulär buchbar; individuelle Lösungen für Veranstaltungen im Jahr 2026 sollen auf Anfrage aber möglich bleiben. Parallel dazu geht die Sonderausstellung „Fast vergessene Kreaturen“ auf Wanderschaft: Ab Februar 2026 ist sie in Liesborn zu sehen, ab Mai sollen die Fabelwesen noch einmal nach Hann. Münden zurückkehren. Gezeigt werden dann in Kooperation mit der Wunderkammer altbekannte und ganz neue großformatige Arbeiten Florian Schäfers im Packhof. Das heißt: 2026 ist für die Wunderkammer kein Jahr des Stillstands, sondern ein Jahr der Verlagerung, Erprobung und Neusortierung.
Wer verstehen will, warum dieses Haus so viele Menschen anspricht, muss einen Blick auf das werfen, was dort gesammelt und erzählt wird. Nach außen ist die Wunderkammer ein kleines Museum, inhaltlich aber arbeitet sie mit dem Prinzip der Überfülle und des Staunens. Ein großer historischer Globus, Schaufensterpuppen, Postkarten, Kuckucksuhren, Münzen, Lampen, Puppen, Autos, Schädel und ganze Skelette stehen dort nebeneinander. Das älteste Stück der Sammlung soll ein rund 250 Millionen Jahre altes Fossil sein. Die Dinge sind dabei nie nur Dekoration, sondern Ausgangspunkte für Erzählungen über Weltwissen, Sammellust, Kulturgeschichte und Perspektivwechsel.
Zum „Wundersamen“ des Hauses gehört auch, dass hier nicht nur gesammelt, sondern weitergearbeitet wird. Sarah und Daniel Wolf betonten schon 2020, dass in der Tradition historischer Wunderkammern restauriert, bearbeitet und neu geschaffen werde. Die Werkstatt bringt unter anderem Schnitzereien aus Walnussschalen hervor, inspiriert von älteren Vorbildern wie verzierten Kokosnüssen oder Straußeneiern. Dazu kommt das Reich der Fabelwesen: Im „Kabinett der Kreaturen“ begegneten Besucherinnen und Besucher zuletzt nicht nur populären Figuren wie dem Einhorn, sondern auch weitgehend vergessenen Wesen wie Rollibock oder Bachkalb. Aber auch wenn die vergessenen Kreaturen um Künstler und Autor Florian Schäfer nun auf Wanderausstellung quer durch Deutschland sind, bleibt dessen ganz eigene theatrale und literarische Handschrift der Wunderkammer weiterhin erhalten: Mehrere Fabelwesen kann man auch zukünftig in der erweiterten Ausstellung entdecken.
So betrachtet, markiert der Ausbau 2026 den Versuch, aus einer bereits starken Idee einen dauerhaft tragfähigen Kulturort zu formen: mit mehr Platz, größeren Gruppen, zusätzlichen Veranstaltungsformaten und mehr Sichtbarkeit für Exponate, die bislang im Verborgenen bleiben mussten. Zugleich bleibt die Wunderkammer das, was sie von Anfang an war: ein Ort, an dem wissenschaftliche Neugier, spielerische Inszenierung und die Lust am Seltsamen zusammenfinden. Gerade darin liegt ihre besondere Stärke und wahrscheinlich auch der Grund, warum dieses ungewöhnliche Museum in Hann. Münden weiter wächst.