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Eine Frau. Ein Rad. Die ganze Welt.

Lea Toran Jenner verbindet internationale Zirkusartistik mit Spitzensport. Bei der Rhönrad-Weltmeisterschaft in Göttingen geht die amtierende Weltmeisterin für Spanien an den Start. Foto: Ingo Cordes
Lea Toran Jenner verbindet internationale Zirkusartistik mit Spitzensport. Bei der Rhönrad-Weltmeisterschaft in Göttingen geht die amtierende Weltmeisterin für Spanien an den Start. Foto: Ingo Cordes

Lea Toran Jenner startet bei der Rhönrad-WM 2026 in Göttingen für Spanien. Die Weltmeisterin verbindet Cyr Wheel, Artistik und Wettkampfsport.

Vom 29. Juni bis 5. Juli richtet Göttingen den Blick der internationalen Rhönrad- und Cyr-Welt auf sich. Gemeinsam mit dem Deutschen Turner-Bund und der International Wheel Gymnastics Federation veranstaltet der ASC Göttingen die Rhönrad-Weltmeisterschaft 2026. Eine Woche lang wird die Stadt damit zum Zentrum einer Sportart, die Kraft, Körperbeherrschung, Eleganz und Mut auf besondere Weise verbindet. Die besten Turnerinnen und Turner der Welt kämpfen in Göttingen um Titel, Medaillen und den perfekten Moment im Rad.

Schon die Eröffnung macht deutlich, dass diese Weltmeisterschaft mehr ist als ein reiner Wettkampf. Am 30. Juni startet die WM mit einer großen Show in der Sparkassen-Arena. Der Einlauf der Nationen, Musik, Akrobatik, Tanz und Bewegungskunst sollen den Auftakt zu einer Woche bilden, in der Sport und Inszenierung eng zusammenrücken. Genau darin liegt auch der besondere Reiz des Rhönradturnens: Es ist technisch anspruchsvoller Spitzensport – und zugleich eine Disziplin, die für das Publikum unmittelbar sichtbar, dynamisch und faszinierend ist.


Artistin, Weltmeisterin, Weltenbummlerin: Lea Toran Jenner bewegt sich zwischen Manege und Wettkampf – und zeigt bei der Rhönrad-WM in Göttingen, wie eng Sport und Kunst miteinander verbunden sein können. Foto: Ingo Cordes


Für viele Besucherinnen und Besucher dürfte Rhönradturnen eine Entdeckung sein. Ein großes Rad, ein Mensch darin, darum herum oder scheinbar schwerelos mit ihm verbunden: Was leicht aussieht, verlangt jahrelanges Training, Körperspannung, Präzision und Vertrauen in jede Bewegung. Wer im Rhönrad turnt, arbeitet nicht gegen das Gerät, sondern mit ihm. Jede Drehung, jede Haltung, jeder Übergang muss stimmen.

Wie nah diese Sportart an Kunst und Bühne liegen kann, zeigt das Interview mit Lea Toran Jenner. Die 34-Jährige ist professionelle Zirkusartistin, tritt international auf und startet bei der Weltmeisterschaft in Göttingen für Team Spanien. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Kindheitstraum, Zirkusartistin zu werden, von ihrer Ausbildung in Montreal, vom Weg in den Wettkampfsport und davon, warum eine Weltmeisterschaft für sie zugleich Herausforderung, Experiment und Herzensprojekt ist.

Ihre Geschichte öffnet einen besonderen Blick auf diese WM: Es geht nicht nur um Punkte und Platzierungen, sondern auch um Ausdruck, Haltung und die Frage, was passiert, wenn sportliche Höchstleistung auf künstlerische Erfahrung trifft.

Zwischen Manege und Medaillen – warum Lea Toran Jenner den Wettkampf liebt

Wer Lea Toran Jenner begegnet, merkt schnell: Für sie ist das Cyr Rad weit mehr als ein Sportgerät. Es ist Bühne, Ausdrucksmittel und sportliche Herausforderung zugleich. Die 34-Jährige gehört zu den wenigen Menschen weltweit, die den Spagat zwischen professioneller Zirkusartistik und internationalem Wettkampfsport meistern. Bei der Weltmeisterschaft in Göttingen tritt sie für Spanien an – obwohl sie auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Der Grund ist pragmatisch: Pro Nation dürfen nur wenige Athletinnen und Athleten starten. So ermöglicht sie gleichzeitig dem deutschen Team einen zusätzlichen Startplatz.

Dabei begann alles mit einem Kindheitstraum. Schon früh wollte Jenner Zirkusartistin werden. Da sie nicht aus einer Artistenfamilie stammt, führte ihr Weg zunächst über das Turnen. Erst später entdeckte sie, dass es professionelle Zirkusschulen gibt – und setzte sich ein ehrgeiziges Ziel: die renommierte École nationale de cirque im kanadischen Montréal. Vier Jahre bereitete sie sich auf die anspruchsvolle Aufnahmeprüfung vor, wurde angenommen und legte damit den Grundstein für ihre internationale Karriere. Dort begegnete sie erstmals dem Cyr Wheel – jenem Einzelrad, das dem klassischen Rhönrad ähnelt, sich aber völlig anders bewegt und heute zu ihrer Spezialdisziplin gehört.


Ob Montreal, Paris, Ghana oder Göttingen: Lea Toran Jenner lebt ihren Kindheitstraum als Artistin. Die Rhönrad-Weltmeisterschaft ist für sie dabei weit mehr als ein Wettkampf – sie ist eine Bühne für Höchstleistung und Ausdruck zugleich. Foto: Ingo Cordes


Eigentlich, erzählt sie, habe sie sich nie als Wettkampfsportlerin gesehen. Ihr Zuhause seien Bühne und Publikum gewesen, nicht Wertungsrichter und Punktetabellen. Erst als sich der Sport weiterentwickelte und internationale Wettbewerbe professioneller wurden, wagte sie den Schritt. Ihre erste Weltmeisterschaft vor zwei Jahren bezeichnet sie heute selbst als Experiment. Sie wollte herausfinden, ob sich ihre künstlerische Herangehensweise mit den Anforderungen eines Wettkampfes verbinden lässt. Das Ergebnis überraschte selbst sie: Am Ende gewann sie den Weltmeistertitel.

Doch der Erfolg veränderte ihren Blick auf den Sport. Aus dem spontanen Versuch wurde ein neues persönliches Ziel. In den vergangenen zwei Jahren trainierte Jenner deutlich technischer und strukturierter. Anders als für eine Bühnenshow gehe es im Wettkampf darum, auf den Punkt Höchstleistungen abzurufen. Trainingspläne, Reglement und jedes noch so kleine Detail rückten stärker in den Fokus. Gleichzeitig möchte sie sich ihre künstlerische Handschrift bewahren. Ihr Anspruch sei es, nicht nur technisch sauber zu turnen, sondern auch eine Geschichte zu erzählen und das Publikum emotional mitzunehmen – selbst während eines Wettkampfs.

Dass ihr Berufsalltag dabei kaum planbar ist, macht die Vorbereitung zusätzlich anspruchsvoll. Noch wenige Tage vor der Weltmeisterschaft stand sie für Auftritte in Ghana auf der Bühne. Solche Engagements haben für sie Vorrang, schließlich sind sie ihr Beruf. Den Wettkampf versteht sie trotz aller Ambitionen weiterhin als persönliches Herzensprojekt. Gerade diese Verbindung aus internationaler Bühnenerfahrung und sportlicher Präzision macht ihre Darbietungen so besonders – und dürfte auch bei der Weltmeisterschaft in Göttingen wieder viele Zuschauerinnen und Zuschauer begeistern.

Mehr als eine Weltmeisterin – warum Titel nicht alles sind

Wer mit Lea Toran Jenner über Erfolge spricht, bekommt eine Antwort, die überrascht. Obwohl sie als amtierende Weltmeisterin nach Göttingen gereist ist und erneut um Medaillen kämpft, misst sie ihren größten beruflichen Erfolg nicht an Gold oder Platzierungen. Einen deutlich höheren Stellenwert habe für sie die Auszeichnung beim Internationalen Zirkusfestival von Monte Carlo – der wohl renommiertesten Bühne der Zirkuswelt. Dort ausgezeichnet zu werden, sei die Erfüllung ihres eigentlichen Lebenstraums gewesen. Ein Weltmeistertitel freue sie zwar sehr, sagt sie, doch letztlich bleibe der Wettkampf für sie ein persönliches Projekt. Ihre Identität definiere sich über die Artistik.

Gerade diese Haltung macht sie zu einer außergewöhnlichen Athletin. Während viele Sportlerinnen und Sportler Titel als oberstes Ziel verfolgen, sieht Jenner die Weltmeisterschaft vielmehr als Chance, sich selbst weiterzuentwickeln. Die Herausforderung, unter Druck die bestmögliche Leistung abzurufen, reizt sie ebenso wie die besondere Atmosphäre innerhalb der internationalen Rhönrad-Community. Gleichzeitig bleibt sie ihrer Überzeugung treu, dass Technik und Ausdruck keine Gegensätze sind. Eine perfekte Übung entstehe erst dann, wenn Präzision und Emotion miteinander verschmelzen.

Auch privat beginnt für die vielreisende Artistin gerade ein neuer Lebensabschnitt. Nach mehr als zehn Jahren ohne festen Wohnsitz hat sie erstmals eine eigene Wohnung in Hamburg bezogen. Für jemanden, der jahrelang von Engagement zu Engagement rund um die Welt unterwegs war, bedeutet das weit mehr als vier Wände. Es ist ein Ort, an den sie zurückkehren kann – zwischen Auftritten, Trainingslagern und internationalen Reisen. "Früher wollte ich immer nur weiter", beschreibt sie ihren Wandel. Heute gehe es ihr darum, unterwegs zu sein und trotzdem ein Zuhause zu haben.


Lea Toran Jenner reist als amtierende Weltmeisterin nach Göttingen. Foto: Ingo Cordes


Stillstand ist dennoch nicht geplant. Neben ihrer internationalen Artistik arbeitet Jenner derzeit an ihrer ersten eigenen Bühnenshow. In „Circus Life“ verbindet sie Artistik mit persönlichen Geschichten und nimmt das Publikum mit hinter die Kulissen eines außergewöhnlichen Berufs. Gleichzeitig hat sie eine eigene Produktionsfirma gegründet und möchte den modernen Zirkus mit neuen Konzepten weiterentwickeln. Wettkämpfe sollen dabei weiterhin Teil ihres Lebens bleiben – nicht als Selbstzweck, sondern weil sie die sportliche Herausforderung liebt.

Die Rhönrad-Weltmeisterschaft in Göttingen zeigt damit weit mehr als beeindruckende Drehungen und spektakuläre Übungen. Sie macht sichtbar, wie vielfältig dieser Sport geworden ist. Zwischen Leistungssport, Artistik und internationaler Gemeinschaft entstehen Geschichten, die weit über Medaillen hinausreichen.