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Artikelfoto Privat

Einst Arbeiterviertel - Heute das Zuhause vieler Mündener

<p><span style="color: rgba(0, 0, 0, 0.85); font-family: &quot;Open Sans&quot;, sans-serif; font-size: 17.3333px; font-weight: 600; background-color: rgb(244, 244, 244);">Stadtteil Hermannshagen</span><br></p>

Der Mündener Stadtteil Hermannshagen geht auf die Siedlung „Hermannshausen“ zurück, die im 14. Jahrhundert verlassen und zur Wüstung geworden war. In den 1880er Jahren wurde an der Hedemündener Chaussee die Chemische Fabrik Kästner & Hilgenberg errichtet. Wenige Jahre später folgte die Kautabakfabrik Fischer & Herwig und 1911 das Schmirgelwerk A. Wandmacher & Co. Mitarbeiter und Angestellte der Fabriken siedelten sich in der Nachbarschaft an, sodass sich im Jahr 1898 eine Initiative zur Gründung eines Gemeinnützigen Bauvereins entwickelte. Hermannshagen wurde damit zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Arbeiterviertel.
1948 richtete die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St. Blasius in einer Holzbaracke am Wiershäuser Weg den ersten Hermannshäger Kindergarten ein. Es folgten der Bau eines Gemeindezentrums und eines Pfarrhauses. 1960 errichtete die Gemeinde am Waldrand eine eigene Kirche.

Wenige Jahre zuvor (1953) wurde die erste moderne achtklassige Schule Mündens nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut. Hier befindet sich heute die Grundschule Hermannshagen.

Der Ortsteil liegt nordöstlich der Altstadt Hann. Mündens am Ufer der Werra. Am südlichen Rand von Hermannshagen verläuft die B 80. Im Stadtteil selbst befinden sich eine Grundschule, ein Kindergarten, ein Altenwohnheim und zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten.

 

Die bewegte Geschichte des gemeinnützigen Bauvereins

Bezahlbares Wohnen in Hann. Münden (Teil 1: 1898-1990)

Die Gemeinnützige Bauverein in Münden eG ist fest in Hermannshagen verwurzelt. Fast 125 Jahre lang prägt das Unternehmen diesen Mündener Stadtteil besonders. Wir haben einen Blick in die bewegte Geschichte der Genossenschaft geworfen.

A m 26. September 1898 nahmen, laut offizieller Liste, insgesamt 48 Mitglieder beim Gründungstreffen des Gemeinnützigen Bauvereins teil. Dieses Datum kann als Gründungsdatum gelten, auch wenn die offizielle Anerkennung durch das Amtsgericht erst einige Tage später erfolgte. Heute, fast 125 Jahre nach der Gründung, kann der Gemeinnützige Bauverein (kurz: Bauverein) auf eine bewegte, aber auch erfolgreiche Geschichte zurückblicken.

Nach der Gründung im Herbst 1898 nahm der Bauverein seine Arbeit auf: Es gelang schon bald, ein Grundstück zu erwerben und ein Mietshaus darauf zu errichten. Die Grundsteinlegung am 15. Oktober 1899 wurde feierlich begangen: rund 2.000 Menschen waren anwesend. Es gab Chorgesang und wichtige Persönlichkeiten hielten Reden. Als im Jahre 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, gehörten dem Bauverein insgesamt 20 Erwerbshäuser und zwei Mietshäuser. In der Nachkriegszeit drängte der Magistrat der Stadt Hann. Münden, laut Geschäftsbericht, den Bauverein, die Bautätigkeit wieder aufzunehmen, da die Wohnungsnot groß war. Allerdings waren die Kosten erheblich: sie betrugen das Sieben- bis Achtfache des Vorkriegspreises und immerhin das Doppelte des Voranschlages. Der Grund dafür war die bereits einsetzende Inflation.

1929 wurde der Betrag für die Geschäftsanteile von 200 auf 300 Reichsmark erhöht, um dem Bauverein einen größeren finanziellen Spielraum zu ermöglichen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Verein einen großen Zulauf, was nicht zuletzt am neuen Konzept lag: es wurden vermehrt Kleinwohnungen gebaut, die sehr beliebt waren. Noch im selben Jahr brachen in New York die Aktienkurse zusammen: Der Schwarze Freitag! Er war der Beginn der Weltwirtschaftskrise. Deutschland und somit auch Hann. Münden wurden ein paar Monate später davon getroffen. Für die Folgejahre waren keine Bauten mehr geplant, denn es standen keine Gelder in Aussicht. Handwerker waren bereits zu spät bezahlt worden. Viele Mieter waren arbeitslos und man befürchtete, die Lage würde sich bald verschlimmern.

Am 31. Januar 1933 ernannte der damalige Reichspräsident der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg, Adolf Hitler zum neuen Reichskanzler. Von diesem Tag an herrschten die Nationalsozialisten in Deutschland. Die Geschäftsführung des Bauvereins wurde ausgetauscht. Die Stimmung während des Krieges wurde zusehends schlechter. Es kamen immer mehr Flüchtlinge aus umkämpften und bombardierten Gegenden nach Hann. Münden. Man musste näher zusammenrücken, denn neue Wohnungen konnten nicht gebaut werden. Infolgedessen traten Spannungen auf und es wirkte fast wie ein Hilferuf, wenn der Bauverein in einem Schreiben vom 13. April 1944 an die Mieter schreibt:

„Wir haben Veranlassung darauf hinzuweisen, dass jeder Mieter, vor allem die Frauen, sich an die Hausordnung zu halten haben. (…) Kommen weiterhin Verstöße gegen die Hausordnung und gegenseitige Belästigungen vor, dann werden wir Räumungsklage wegen Störung der häuslichen Volksgemeinschaft einreichen. Wenn sich die einzelnen Mieter resp. Frauen nicht vertragen können oder wollen, sind wir gezwungen Maßnahmen zu ergreifen, die dem einen oder dem anderen nicht angenehm sein werden.“ (Quelle: Archiv des Gemeinnützigen Bauvereins in Münden, Akte Nr. i Wiershäuser Weg 25 vom 27.i.1928.)

Die Wohnungsnot nach dem Krieg war bedrückend. Im Jahresbericht 1946 bedauert der Bauverein, dass neue, dringend gebrauchte Wohnungen nicht gebaut werden konnten. Zwar wurden Dachgeschosse ausgebaut, aber die Fertigstellung von drei Wohnungen wurde erst 1947 erwartet. Am Ende steht ein Aufruf an alle: Wohnungen und die Anlagen sollten pfleglich behandelt werden und wegen der Materialknappheit müsse jeder helfen. Eltern sollten darauf achten, dass Kinder nichts mutwillig zerstören. Ein Kredit wurde genehmigt: Im Jahre 1949, gut zehn Jahre nachdem die letzten Neubauten errichtet worden waren, konnte der Bauverein wieder 45 neue Wohnungen in Hermannshagen erschaffen.

Von da an entspannte sich die Zeit für die Akteure des Bauvereins. Während der 1970er Jahre wurde allgemein erwartet, dass der Wohnungsmarkt bald gesättigt sei. Doch 1978 wurde dieser Annahme bereits widersprochen: Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er Jahre würden vermehrt Wohnungen suchen. Denn die Jugendlichen würden weitaus früher aus den Elternhäusern ausziehen und ihre Eltern würden, nicht wie vor einigen Jahren, noch frei gewordene Wohnungen vermieten. Ende der 1980er Jahre gab es vermehrt Übersiedlungen aus dem damaligen Osten. Nach der Grenzöffnung der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik im Jahre 1989, war der Wohnungsmarkt in Hann. Münden auf einmal wieder angespannt. Der Bauverein musste eine Warteliste anfertigen und es wurde in den 1990er Jahren auch wieder gebaut (Gimte und Hermannshagen).

Bezahlbares Wohnen in Hann. Münden (Teil 2: 1990-heute)

Als Rolf Vogt Anfang der 1990er Jahre in den Vorstand des Bauvereins kam, stellte er fest, dass gewaltige neue Aufgaben warteten. Innovationen gab es kaum: Neue Ideen waren gefragt. Die Bevölkerung Mündens altert. Darauf musste der Bauverein reagieren und Pläne entwickeln. Außerdem waren viele Bauten mittlerweile in die Jahre gekommen. Ausbesserungen allein waren nicht mehr ausreichend: Der Bauverein musste mit den Bedürfnissen der Menschen Schritt halten – ohne dabei aus den Augen zu verlieren, warum er mal gegründet wurde: Menschen günstig ein gutes Zuhause zu bieten. Seit Ende der 1990er Jahre stellte sich der Bauverein vermehrt auf die älter werdende Bevölkerung Hann. Mündens ein: So wurde bereits ab März 1996 das Seniorenzentrum „Am Kronenturm“ gebaut im Jahre 2005 wurde das Kreisaltenheim aufgekauft, um eine Senioreneigentumsanlage zu errichten. Seit 1998 ist Jörg Wieland Geschäftsführer des Bauvereins. Im Bestand der Genossenschaft sind derzeit 862 Wohnungen: etwa 2.200 Menschen haben hier ihr Zuhause. Umfangreiche Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen, zur ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit, wurden in den letzten Jahren umgesetzt. „85 Prozent unseres Wohnungsbestandes sind bereits auf einem modernisierten Stand“, erklärt Wieland. Mit der Erschließung und Vermarktung der Wohngebiete in Gimte und dem Neubau einer Kindertagesstätte in Hann. Münden betrat die Genossenschaft in den vergangenen Jahren Neuland. „Es ist wichtig, nicht stehen zu bleiben und auch die Aktivitäten der Genossenschaft an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten, die bei uns ihr Zuhause haben.“