Rezension von Susanne Wesche: Mit „Doktormutter Faust“ eröffnet die neue Intendantin Angelika Zacek ihre erste Spielzeit am Jungen Theater Göttingen und setzt damit ein klares Zeichen. Fatma Aydemirs feministische Überschreibung von Goethes Klassiker verhandelt Selbstbestimmung, Gender Studies, Macht, Konsens und politische Polarisierung. Die Göttinger Inszenierung macht daraus einen ebenso klugen wie unterhaltsamen Theaterabend, der lange nachwirkt.
Was kann „Faust“ heute noch erzählen? Eine Menge. Wenn man bereit ist, den Klassiker nicht ehrfürchtig zu konservieren, sondern ihn auseinanderzunehmen, seine Machtverhältnisse umzudrehen und seine berühmten Fragen neu zu stellen. Genau das geschieht derzeit im Jungen Theater Göttingen. Mit „Doktormutter Faust“ von Fatma Aydemir ist der neuen Intendantin Angelika Zacek ein Spielzeitauftakt gelungen, der mutig und erstaunlich gegenwärtig wirkt.
Es ist dabei kein Zufall, dass ausgerechnet „Faust“ am Anfang ihrer Intendanz steht. Als das Junge Theater vor knapp 70 Jahren eröffnet wurde, gehörte Goethes „Urfaust“ zu den ersten Inszenierungen des Hauses. Nun beginnt mit Zacek, der ersten Intendantin in der Geschichte des Jungen Theaters, ein neues Kapitel wiederum mit Faust. Nur ist der berühmte Gelehrte diesmal eine Frau. Die Premiere fand am 10. September statt.
Schon diese Entscheidung hat Symbolkraft. Doch „Doktormutter Faust“ erschöpft sich keineswegs darin, Männer- und Frauenrollen miteinander zu vertauschen.
Aus Doktor Faust wird Professorin Margarete Faust
Im Zentrum steht Dr. Margarete Faust, gespielt von Kristin Becker. Sie ist Professorin für Gender Studies, wissenschaftliche Autorität, feministische Vordenkerin und für viele ihrer Studierenden eine geradezu ikonische Figur. Gleichzeitig gerät sie gesellschaftlich und beruflich zunehmend unter Druck. In Aydemirs Gegenwartsversion haben sich die politischen Verhältnisse nach rechts verschoben, feministische Wissenschaft wird angegriffen und Faust wird wegen ihrer Haltung zum Schwangerschaftsabbruch zum Feindbild. In der Göttinger Inszenierung gerät sie unter anderem deshalb mit der Universitätsleitung in Konflikt, weil sie Studentinnen geholfen hat, für Schwangerschaftsabbrüche in die Niederlande zu fahren.
Damit wird sehr schnell klar: Diese Faust-Figur ist keine simple feministische Heldin. Sie ist klug, selbstbewusst und politisch engagiert aber gleichzeitig widersprüchlich und keineswegs frei von eigener Macht.
Und genau dort wird dieser Abend besonders interessant
Denn die Inszenierung fragt nicht einfach danach, wie eine Frau in einer von Männern dominierten Welt ihre Selbstbestimmung erkämpft. Sie stellt die schwierigere Frage: Was passiert, wenn diejenige, die für Freiheit und Emanzipation steht, selbst Macht über einen anderen Menschen besitzt?
Wenn aus der Gretchenfrage eine Frage nach Konsens wird
Faust trifft auf den deutlich jüngeren Doktoranden Karim. Er bewundert ihre wissenschaftliche Arbeit und möchte bei ihr promovieren. Gleichzeitig befindet er sich in einer prekären Situation: Sein Aufenthaltsstatus ist unsicher, eine Promotionsstelle kann für seine Zukunft entscheidend sein. Faust wiederum begehrt ihn. Damit entsteht eine Beziehung, in der sich Lust und Macht kaum voneinander trennen lassen.
Wer entscheidet hier tatsächlich frei? Kann Zustimmung vollkommen freiwillig sein, wenn die eine Person über akademische Karriere, berufliche Perspektiven und indirekt sogar über die Möglichkeit entscheidet, im Land bleiben zu können? Wann wird aus Begehren eine Grenzüberschreitung? Und gilt eine Grenzüberschreitung anders, wenn die mächtigere Person eine Frau und die abhängige Person ein Mann ist?
Das Stück verweigert darauf erfreulicherweise einfache Antworten. Fatma Aydemirs Überschreibung arbeitet gerade mit diesen Grauzonen. In ihrer Version verschiebt sich damit auch eine der berühmtesten Fragen aus Goethes „Faust“: Die moderne Gretchenfrage dreht sich nicht mehr vor allem um Religion, sondern um Konsens. Machtmissbrauch, Schuld, Scham und die Schwierigkeit eindeutiger Täter- und Opferrollen gehören zu den zentralen Motiven des Textes.
Gerade diese Ebene ist in Göttingen außerordentlich stark umgesetzt. Der Geschlechtertausch wird niemals zum billigen „Nun machen Frauen eben das, was früher Männer gemacht haben“. Stattdessen zeigt er, wie sehr unsere Wahrnehmung von Macht noch immer von Geschlechterbildern bestimmt wird. Das Publikum wird dabei immer wieder gezwungen, die eigene Position zu überprüfen.
Gender Studies auf der Bühne
Bemerkenswert ist auch, wie selbstverständlich Themen wie Gender Studies, Feminismus, sexuelle Selbstbestimmung und strukturelle Macht in den Theaterabend integriert werden. Das Stück spricht über hochkomplexe gesellschaftliche Debatten, ohne dass daraus eine zweistündige Vorlesung entsteht. „Doktormutter Faust“ argumentiert nicht mit erhobenem Zeigefinger. Es lässt Situationen entstehen. Das Publikum erlebt Abhängigkeiten, Begehren, politische Radikalisierung und moralische Widersprüche unmittelbar zwischen den Figuren. Und plötzlich werden Begriffe, die in politischen Debatten manchmal abstrakt erscheinen, ganz konkret.
Selbstbestimmung bedeutet dann eben nicht nur: Ich darf tun, was ich möchte. Sie endet dort nicht einmal zwingend, wo ein anderer Mensch „Ja“ sagt. Denn ein Ja kann innerhalb einer Hierarchie komplizierter sein als es zunächst scheint. Gleichzeitig verweigert das Stück die bequeme Vorstellung, Menschen ausschließlich als Opfer oder Täter zu betrachten. Genau diese Ambivalenz macht den Abend so spannend.
Und dann ist da noch Mephisto
Natürlich braucht auch diese Faust-Version ihren Mephisto. Doch auch hier bleibt die Inszenierung nicht bei der traditionellen Teufelsfigur stehen. Bereits bei der Vorstellung der Spielzeit hatte das Junge Theater angekündigt, mit mehreren Erscheinungsformen Mephistos zu arbeiten. Die Figur wird damit weniger zu einer einzelnen Gestalt als zu einer Verlockung, die Faust immer wieder begleitet: Freiheit ohne Verantwortung, Lust ohne Konsequenzen, Grenzüberschreitung ohne Schuld.
Gleichzeitig verliert „Doktormutter Faust“ trotz all seiner Themen nie seinen Humor. Und das ist enorm wichtig. Denn der Abend darf komisch sein. Er darf grotesk sein. Man darf über Figuren lachen, obwohl wenige Augenblicke später eine Situation kippt. Gerade dieser Wechsel verhindert, dass die Inszenierung schwerfällig wird. Zacek selbst hatte schon vor der Premiere betont, dass sie an Aydemirs Stück neben seiner politischen Dimension gerade auch dessen Humor und seine vielen Grauzonen reizen.
Kristin Becker trägt eine faszinierend widersprüchliche Faust auf die Bühne
Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder Kristin Becker als Margarete Faust. Es wäre leicht gewesen, diese Professorin entweder als unangreifbare feministische Ikone oder als machtbesessene Grenzüberschreiterin zu zeichnen. Becker lässt beides nicht zu. Ihre Faust darf stark und schwach sein. Überzeugt und zweifelnd. Rational und getrieben. Selbstbestimmt und gleichzeitig abhängig von Anerkennung, Begehren und der eigenen Vorstellung davon, wer sie sein möchte.
Neben Becker stehen Fynn Knorr, Malin Kraft, Marie-Luise Kuntze, Joel Kito Salvatore und Jens Tramsen auf der Bühne. Kuntze, eines der neuen Ensemblemitglieder, übernimmt gleich mehrere Figuren; Malin Kraft ist unter anderem als Mephisto zu erleben. Die schnellen Wechsel zwischen Komik, Zuspitzung und ernsten Momenten verlangen dem Ensemble einiges ab.
Unser Fazit: Wenn dieser Abend tatsächlich einen Hinweis darauf gibt, wohin sich das Junge Theater unter seiner neuen Intendantin entwickeln will, dann ist das ein vielversprechender Beginn.
„Doktormutter Faust“ dauert rund zwei Stunden inklusive einer Pause. Die nächsten Vorstellungen sind nach aktuellem Spielplan am 18. und 30. September sowie am 16. und 23. Oktober 2026 jeweils um 20 Uhr im Jungen Theater in der Bürgerstraße 15 geplant. Reguläre Karten kosten 26 Euro, ermäßigt 14 Euro, Kinder und Schülerinnen und Schüler zahlen 10 Euro.