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Weltfrauentag: Im Gespräch mit Mündens Gleichstellungsbeauftragter

Von Vereinbarkeit über Equal Pay bis Gewaltschutz: Zum Weltfrauentag 2026 werden zentrale Herausforderungen und konkrete Maßnahmen für Hann. Münden benannt. Foto: KI generiert
Von Vereinbarkeit über Equal Pay bis Gewaltschutz: Zum Weltfrauentag 2026 werden zentrale Herausforderungen und konkrete Maßnahmen für Hann. Münden benannt. Foto: KI generiert

Zum Weltfrauentag 2026 spricht die Gleichstellungsbeauftragte über Care-Arbeit, Entgeltlücke, Männergewalt und notwendige Reformen für mehr Gleichberechtigung.

Heute ist Weltfrauentag. Damit rücken Themen ins Licht, die im Alltag vieler Frauen längst Dauerzustand sind - mit spürbaren Folgen: Wer übernimmt Sorgearbeit, wer kann sich Erwerbsarbeit leisten, wer bleibt finanziell abhängig und wer ist im Ernstfall wirklich geschützt? Auch in Hann. Münden zeigen sich diese Fragen ganz konkret: in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im ländlichen Raum, in hartnäckigen Lohnunterschieden und in der Realität von Gewalt gegen Frauen, die längst nicht nur „anderswo“ stattfindet.

Im Interview spricht die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Hann. Münden, Melissa Castillo, darüber, welche Baustellen sie 2026 für besonders dringend hält. Sie beschreibt, warum Teilzeit und Care Arbeit nicht als persönliches Organisationsproblem abgetan werden dürfen, weshalb finanzielle Abhängigkeit ein unterschätztes Risiko ist und warum Männergewalt, auch in digitalen Formen, neue Präventions- und Schutzstrukturen braucht. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass Gleichstellung politisch gestaltbar ist, aber nur, wenn sie nicht länger als Randthema behandelt wird.

Wenn Sie an den Weltfrauentag denken: Welche Themen sind aus Ihrer Sicht 2026 in Hann. Münden und deutschlandweit besonders dringend?

Melissa Castillo: Ich würde die folgenden drei Themenfelder als besonders wichtig – sowohl regional als auch deutschlandweit – herausstellen:

1. Die Vereinbarkeit von Familie, also privater Sorgearbeit und Lohnarbeit/Beruf: Der politische Diskurs dreht sich aktuell sehr stark um die Erhöhung der Lohnarbeit und damit um die Reduzierung von Teilzeitarbeit. Unsichtbar bleibt dabei, dass ein Großteil der Menschen in Teilzeitarbeit – überwiegend Frauen – neben der Lohnarbeit auch noch private Sorgearbeit (Erziehung, Pflege) leistet. Die Infrastruktur im ländlichen Raum erschwert es zudem noch, private Sorgearbeit und Lohnarbeit miteinander zu vereinbaren. Vor allem Alleinerziehende sind hiervon besonders betroffen. Häufig wird als einzige Lösung zur Erhöhung der Lohnarbeitszeit der Ausbau von Kinderbetreuung in Kitas oder Schulen genannt. Das finde ich äußerst problematisch, da es viele Familien nicht abholt, die ihre Kinder nicht die meiste Zeit des Tages in Fremdbetreuung geben möchten. Eine stabile Kinderbetreuung ist aus Gleichstellungsperspektive natürlich wichtig, dennoch kann sie nicht die einzige Lösung sein. Private Sorgearbeit muss vielmehr die Anerkennung – auch finanziell – erhalten, die sie verdient. Wir müssen Lohn- und Sorgearbeit neu verteilen und uns vom aktuellen patriarchalen kapitalistischen System entfernen.

2. Die finanzielle Abhängigkeit vieler Frauen vor allem mit Kindern: Ein weiteres großes Problem sind die weiterhin bestehenden geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede, geringere Aufstiegschancen für Frauen, unterbezahlte soziale Berufe (die nach wie vor überwiegend von Frauen ausgeübt werden) sowie ein System, das private Sorgearbeit mit drohender Altersarmut bestraft. Wie wir wissen, macht Armut krank und verkürzt die Lebenszeit.

3. Männergewalt gegenüber Frauen: Diese Abhängigkeit macht Frauen auch empfänglicher für Gewalt in der Partnerschaft. Frauen, die Gewalt erfahren und finanziell sowie emotional durch gemeinsame Kinder noch stärker abhängig sind, können gewalttätige Beziehungen viel schwerer verlassen bzw. nutzen Männer diese Abhängigkeit häufig konkret aus um Macht auszuüben. Das Thema Gewalt gegen Frauen – Männergewalt – erreicht derzeit einen Höchststand und wächst kontinuierlich, auch durch neue Formen wie digitale Gewalt. Es braucht daher ganz dringend neue Bewältigungsstrategien, Präventions- und Schutzmaßnahmen.

Zuletzt möchte ich noch einen vierten Punkt hinzufügen: Besonders dringend zu behandeln ist auch der deutschlandweite Rechtsruck, der all diese oben genannten Probleme verschärft. Alle drei Themen sind miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig. Das Erstarken rechter Ideologie bedroht aktuell alle Bestrebungen, diese Probleme zu lösen, indem diese Probleme negiert, als unwichtig bezeichnet oder sogar belächelt werden. Rechte Ideologie lebt von der Unterdrückung von Frauen.

Equal Pay Day und Entgeltgleichheit wirken oft abstrakt: Wo sehen Sie in unserer Region die wichtigsten Ursachen für Lohnunterschiede – eher in der Branchenwahl, Teilzeit, Karrierewegen, Care-Arbeit oder etwas anderem?

Melissa Castillo: Die Ursachen sind vielfältig und strukturell: Die hohe Teilzeitquote bei Frauen, geringere Aufstiegschancen in sozialen Berufen (den sogenannten „Frauenberufen“), Karriereunterbrechungen durch Eltern- und Pflegezeiten, der hohe „Mental Load“ (die psychische Belastung durch private Sorgearbeit) und Sexismus. All diese Faktoren tragen zu Lohnunterschieden bei. Für unsere Region lässt sich daher nicht nur ein spezifischer Faktor nennen; es handelt sich vielmehr um eine hartnäckige Verflechtung dieser Ursachen.

Das Gute ist: Diese Faktoren sind politisch beeinflussbar, das heißt, mit einer konsequenten Gleichstellungspolitik auf Kommunal- und Landesebene können sie zum Besseren verändert werden. Problematisch ist, dass Gleichstellungsarbeit nach wie vor nur ein Randthema ist und nicht ausreichend und umfassend umgesetzt wird. Ich habe zum Beispiel eine wöchentliche Arbeitszeit von 19,5 Stunden für eine Stadt mit rund 24.000 Einwohner*innen.

Welche konkreten Maßnahmen, Projekte oder Angebote gibt es aktuell in der Stadt (oder gemeinsam mit lokalen Partnern), die Gleichstellung praktisch voranbringen?

Melissa Castillo: Hann. Münden verfügt zum Glück über ein starkes Netzwerk sozialer Einrichtungen – hauptsächlich von Frauen geleitet – das in ständigem Austausch steht und sehr bemüht ist, die Lebenssituation der Bürgerinnen zu verbessern. Familienzentrum, Mehr!Generationenhaus, Bürgertreff, Haus der Nationen, VHS, Diakonie, um nur einige zu nennen. Wir arbeiten eng zusammen, um Angebote gezielt für Frauen und Familien, Kinder, Jugendliche, Rentner*innen sowie Alleinerziehende bedarfsgerecht zu erarbeiten. Die jährlich stattfindenden Sozialraumtreffen, in Kooperation mit dem Landkreis Göttingen, zuletzt zu dem Thema „Psychische Gesundheit“, sind ein Ergebnis dieser engen Zusammenarbeit. Aber auch viele kleinere, regelmäßige Kooperationsangebote existieren. Auf der Homepage der Stadt Hann. Münden, in der Münden App und in den Sozialen Medien, werden aktuelle Veranstaltungen regelmäßig bekanntgegeben. 

Ich möchte jedoch auch darauf hinweisen, dass ich nicht ausschließlich in Frauen Verbündete für diese Themen sehe. Gleichstellungsarbeit ist keine reine Frauensache und sollte genauso Männern ein Anliegen sein. Aus diesem Grund freue ich mich, dass wir zum Interkulturellen Frauenfrühstück im Bürgertreff anlässlich des Weltfrauentages am heutigen 8. März zwei Herren begrüßen dürfen: Gleichstellungsminister Dr. Andreas Philippi und Bürgermeister Tobias Dannenberg. Es bleibt wichtig zu betonen, dass ein Kampf für Gleichberechtigung und Frauenrechte kein Kampf gegen Männer ist. Es ist ein gemeinsamer Kampf für Menschenrechte.

Aus Ihrer Erfahrung in der täglichen Arbeit: Mit welchen wiederkehrenden Hürden haben Frauen (oder auch Familien) hier am häufigsten zu tun und was sind typische Missverständnisse, die Ihnen in Gesprächen begegnen?

Melissa Castillo: Meistens kommen Frauen und Mädchen mit Multiproblemlagen zu mir. Das bedeutet, sie befinden sich aufgrund verschiedener Probleme und Lebensumstände in sehr schwierigen Lebenslagen. Besonders häufig handelt es sich dabei um Fälle von Partnerschaftsgewalt. Die Gewalt wird auf sehr unterschiedliche Weise ausgeübt – psychisch, körperlich, aber auch finanziell. Auch außerhalb von (Ex-)Beziehungen erleben Frauen Gewalt, etwa in Form von Stalking, sexueller Belästigung, Gewalt im digitalen Raum oder Diskriminierung aufgrund von Mutterschaft. Ebenso erfahren Frauen Diskriminierung aufgrund anderer Eigenschaften: Sie wenden sich an mich, weil sie Diskriminierung als Frau erleben, aber auch aufgrund einer Behinderung, einer Zuwanderungsgeschichte oder als armutsbetroffene Menschen. Diese Erfahrungen verstärken sich oft gegenseitig. Die psychische und körperliche Gesundheit leidet darunter. Neben den betroffenen Frauen leiden auch ganze Familien, vor allem Kinder, unter der Tatsache, dass Gleichstellung immer noch nicht erreicht wurde und Fortschritte durch einen weltweit spürbaren Rechtsruck zunehmend bedroht sind.

Ein typisches Missverständnis bei der ersten Kontaktaufnahme ist, dass Bürgerinnen unsicher sind, ob sie sich mit ihrem Anliegen an mich wenden können. Ich möchte ausdrücklich ermutigen, dass ich für alle Anliegen ein offenes Ohr habe und gerne an weitere Beratungsstellen weiterverweise, wenn der Bedarf besteht.

Ich bin am besten per E-Mail zu erreichen: Castillo@hann.muenden.de oder telefonisch unter: 05541 75255

Blick nach vorn: Wenn Sie sich eine Veränderung wünschen dürften, die in den nächsten 12 Monaten realistisch erreichbar ist – welche wäre das, und was bräuchte es dafür (Politik, Verwaltung, Arbeitgeber, Gesellschaft)?

Melissa Castillo: Aktuell stehen zwei politische Handlungsfelder bundesweit besonders im Fokus: Die Novellierung des Niedersächsischen Gleichberechtigungsgesetzes (NGG) und die Verschärfung des Gewaltschutzgesetzes. Die Erneuerung des NGG soll ermöglichen, Gleichstellung verbindlicher zu verankern und Gleichstellungsbeauftragte zu stärken. Auch Kommunen wie Hann. Münden sind davon betroffen. Ebenso bedarf das Gewaltschutzgesetz einer Aktualisierung, die zumindest angestoßen wurde. So stehen Elektronische Fußfesseln und eine verbesserte Täterarbeit im Fokus. Frauen müssen konsequenter vor Männergewalt geschützt werden; das ist keine freiwillige Leistung, sondern ein staatlicher Gesetzesauftrag, dem nachgekommen werden muss. Es braucht einen verbindlichen kommunalen Aktionsplan zum Gewaltschutz, abgestimmt mit Land und freien Trägern. Die Umsetzung der Istanbul-Konvention verpflichtet Bund, Länder und Kommunen zu verlässlichen Schutzstrukturen. Gerade im ländlichen Raum müssen Hilfen niedrigschwellig und erreichbar sein. Das Gewaltschutzgesetz bildet die rechtliche Grundlage zum Schutz vor häuslicher Gewalt und Stalking. Hier sehe ich realistische Chancen auf positive Veränderungen in den nächsten 12 Monaten.

Doch rechtliche Veränderungen allein reichen natürlich nicht. Gleichstellung ist kein Randthema – sie ist eine Frage von Gerechtigkeit, Sicherheit und demokratischer Teilhabe. Ausreichend finanzierte Frauenhäuser, Beratungsstellen und Präventionsangebote sind kein „nice-to-have“, sondern ein Muss. Wir brauchen hier klare Haltungen, politisch und zivilgesellschaftlich. Und dazu braucht es mehr Aufklärungsarbeit – angestoßen durch Gleichstellungsbeauftragte, die mit besseren Ressourcen (Arbeitsstunden und Budget) ausgestattet werden müssen.

Die Wichtigkeit von Gleichstellung muss bereits in Schulen thematisiert werden, damit Kinder und Jugendliche Alternativen zu den problematischen Männlichkeitsbildern erhalten, die in der Regel über Social Media verbreitet werden. Ein Blick nach Großbritannien zeigt, wie es gehen kann: Dort werden Jugendliche im Alter von 11 bis 18 Jahren in Schulen über Frauenfeindlichkeit aufgeklärt und lernen positive Männlichkeitsbilder kennen. Das brauchen wir dringend auch in Deutschland, in Hann. Münden.