Vor rund 3.000 Jahren stand auf einem Schulgelände in Duderstadt ein Geräteschuppen, ein Getreidespeicher sowie ein Kompost, berichtet der Archäologe Christoph Döllerer, der die spektakulären Fund mit seinem Team gemacht hat. Anhand der Funde sei erkennbar, dass eines der Gebäude schief gestanden haben muss. Die Überreste des landwirtschaftlichen Betriebs wurden bei Bauarbeiten auf dem Gelände des Schulzentrums entdeckt. Ein Interview berichtet der Archäologen und Inhaber der Firma Archaeomedes, Christoph Döllerer exklusiv für MeineRegion365:
Was ist das Besondere an diesem Fund in Duderstadt?
Christoph Döllerer: Die aufgedeckten eisenzeitlichen Befunde (ca. 500 v.Chr.-0) zählten zur damaligen Landwirtschaftsinfrastruktur. Dies ist ein Bereich, welcher nicht so häufig archäologisch erfasst wird, entweder weil typischerweise eher im Siedlungsbereich gegraben wird, oder sich prähistorische Nutzflächen durch spätere Überprägung wie etwa moderne Bebauung oder Landwirtschaft nicht mehr erhalten. Unsere Ergebnisse in Duderstadt sind aufgrund der geringen Fläche im Baufenster der Erweiterung des Schulzentrums eher schlaglichtartig. Dort traten insbesondere die Pfostenreste eines windschief rechteckigen Holzbaus auf (siehe Foto), welches ca. 6,5 Quadratmeter Grundfläche hatte. Seine Holzpfosten bzw. Joche wurden angespitzt in den Boden gerammt, was eine eher geringe Gründungstiefe erahnen lässt. Demnach handelte es sich nicht um ein aufwändig und stabil erstelltes Wohngebäude, sondern eher um einen Speicher, oder ein Lagerraum für Saatgut und Werkzeug. In seinem Nahbereich befanden sich weitere eisenzeitliche Bodeneingriffe, welche humos angereichertes Sediment enthielten. In solchen Kompostgruben wurde offenbar Dünger gelagert. Aufgrund der Befundumstände gehen wir also von landwirtschaftlicher Infrastruktur aus.
Welche Erkenntnisse ziehen Sie daraus?
Christoph Döllerer: Unsere Ergebnisse lassen sich gut in die Landschaft einbetten. So wurden die lößüberdeckten Hügelkuppen bzw. deren sanft abfallenden Hänge damals landwirtschaftlich genutzt, und mit Speicher- oder Lagerräumen sowie Kompostgruben besetzt. Im Süden des heutigen Stadtzentrums von Duderstadt fanden die eisenzeitlichen Siedler günstige Bedingungen vor.
Wie kann man sich das Leben der Menschen in der damaligen Zeit vorstellen?
Christoph Döllerer: Das ist für uns heute sehr schwer vorstellbar. Wir dürfen schon von einem körperlich harten Leben ausgehen, da es keine Maschinen, und viele Dinge handwerklich im Haushalt selbst hergestellt werden mussten. Die Menschen waren zudem Wind und Wetter sehr viel stärker ausgesetzt. Zudem grassierten viele Krankheiten, welche das Leben zusätzlich beeinträchtigten. Nichtsdestoweniger, der Wille zum Überleben ist offenbar seit jeher stark ausgeprägt.
Gab es viele historische Siedlungen in Südniedersachsen?
Christoph Döllerer: Die Landschaft von Südniedersachsen beidseitig des breiten und fruchtbaren Leine-Tals lieferte einen Gunstraum für Siedlungen, insofern die Gegend seit der Steinzeit besiedelt wurde. Die Siedlungsdichte ist demnach höher als in anderen Regionen, und auch der Aspekt einer sehr schön anzusehenden Hügel- und Tallandschaft dürfte bei der Standortwahl eine Rolle gespielt haben.
Auch im Bereich Hann.Münden an der Werra gibt es laut Hobby-Archäologen zahlreiche Fundorte?
Christoph Döllerer: Richtig, hier ist insbesondere das bekannte Römerlager Hedemünden zu nennen, aber auch die sehr malerische historische Altstadt von Hann. Münden zählt zu den historischen Schätzen des Altsiedellandes.
Offenbar sind viele Fundorte noch gar nicht erschlossen. Woran liegt das?
Christoph Döllerer: Es besteht zumeist keine direkte Notwendigkeit, archäologische Fundplätze freizulegen. Eine archäologische Ausgrabung bedeutet die unwiederbringliche Zerstörung, und am Ende bleiben nur die Funde, sowie eine entsprechende Dokumentation. Daher werden Fundplätze in der Regel nur dann wirklich ausgegraben, wenn sie einem modernen Bauvorhaben im Wege stehen, oder ein besonderes Forschungsinteresse daran besteht.
Es gibt also für die Wissenschaft noch viel zu tun?
Christoph Döllerer: In der Archäologie geht es darum, Erkenntnisse über vergangene Kulturen anhand ihrer Hinterlassenschaften zu gewinnen. Dieser Prozess wird sicherlich weiter anhalten, da immer mehr Erkenntnisse dazu kommen, sowie bereits gefasste Erkenntnisse durch Vergleiche im Austausch neu interpretiert werden. Es bleibt also weiter spannend.